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Familienbande:

Glück und grosse Unwetter

29.1.–23.4.2017

Die eigene Familie kann Heimat bedeuten, ein Zuhause, in welches man gerne zurückkehrt, sie kann aus Menschen bestehen, mit denen man sich verbunden fühlt – oder vor denen man immer wieder zu flüchten versucht. Manche wünschen sich, Teil einer Familie zu sein, andere fürchten, den Fängen der Blutsverwandtschaft nicht entkommen zu können. Ähnlichkeiten untereinander werden anfangs begrüsst und neckend erwähnt, als Erwachsene bestritten.

Wir freuen uns, das Genre des Familienbildes mit zwei unterschiedlichen Werkkörpern aus persönlicher Perspektive zu befragen: Der britische Künstler Jonny Briggs entwirft in aufwändigen Verfahren überraschende Bildwelten, bei denen sich ein Inspirationsfunken in plastischen Schichtungsverfahren transformiert. Salvatore Vitale erzählt in grossformatigen Atmosphären von der Distanz und der Nähe zwischen ihm und seinem Vater. Beide Kunstschaffenden binden auch bewegte Bilder in die Ausstellung ein, Fotografien und Videoaufnahmen vervollständigen die Erzählstränge. Ebenso gehen Objekt, Bild und Ton dialogische Verbindungen ein. Die Idee der Kernfamilie ist längst nicht überholt, und bietet weiterhin die Möglichkeit die auf den ersten Blick unspektakulären Beziehungen zwischen Mutter, Vater und Kind auszuleuchten – Jonny Briggs und Salvatore Vitale (er)finden dafür eigenständige Erzählungen.

Seit über zwölf Jahren beschäftigt sich Jonny Briggs (*1985, lebt und arbeitet in London) mit seinem familiären Umfeld. Auf seinen Fotografien sind aufwändige Inszenierungen in seinem Atelier oder im Aussenraum zu sehen – mit seinen Eltern als Protagonisten. Der zweite Blick zeigt: Die Grenze zwischen Eltern und Kind, zwischen Anderem und Selbst, zwischen echten Konstellationen und künstlichen Installationen ist manchmal ebenso unklar, wie sie erscheint. Briggs lässt sich vom Familien-Archiv inspirieren: In Kisten und Schubladen findet er unzählige alte Fotografien, die vorwiegend sein Vater gemacht hat. In vielen seiner Arbeiten scheint Jonny Briggs sich den Blick seines Vaters anzueignen.

Er überträgt seine Ideen in einem ersten Schritt auf Papier und entwickelt mittels Skizzen und Zeichnungen surreal anmutende Bildwelten. Diesen Prozess beschreibt er als spielerisch, intuitiv und experimentell. Seine Arbeiten betrachtet er als ein Zusammentreffen widersprüchlicher Erinnerungen; das Zusammenspiel von älteren und neueren Arbeiten als essentielles Netzwerk. Die Kombination unterschiedlicher Ebenen, in Bezug auf die Materialien und deren inhaltlichen Bedeutungen, resultieren in komplexen Bildkompositionen, deren Entschlüsselung sich widerspenstig gestalten kann. Für das Bild «Untitled (self painted grey, cradling photograph of eye as a child, obscuring my own eyes, in front of backdrop held by partner)» lässt Jonny Briggs seinen Partner mit einer Fotografie, die sein eigenes Auge als Kind zeigt, auf einem Holzstumpf im Wald in der Nähe seines Elternhauses Platz nehmen. Das Bild erinnert an die Tarotkarte des hängenden Mannes: Die Haltung des Hängenden steht für das Wachstum in die Tiefe. Der Heiligenschein zeigt, dass durch diesen Richtungswechsel und durch die umgekehrte Betrachtung der Welt, Erleuchtung gefunden werden kann. Das Kreuz der Beine symbolisiert das Irdische, während das Dreieck der Arme für das Göttliche steht. Irdisches über Göttlichem, eine verkehrte Welt.  «Order / Disorder / Disordered» zeigt die Zähne von Briggs Mutter, ihren Unterkiefer, und wie sie auf ein Stück Tapete beisst. Ihr Gesicht ist nicht zu erkennen, das Blumengemälde tritt an ihre Stelle. Seine Mutter scheint sich ihre Umgebung einzuverleiben oder im Gegenteil, die Umgebung macht sich ihrer Erscheinung habhaft. An den Rändern treten einige Gräser zum Vorschein, diese geben einen Hinweis darauf, wie die Komposition entstanden sein könnte. In «Untitled, 2016» verbindet sich die Latexmaske des Gesichts von Briggs Vater farblich mit einem Stück Tapete, welche neben einem Bild der selbigen wiederum auf eine Fotografie – eine Abbildung eines sich in Hausnähe befindenden Waldstücks – gepinnt wurde. Das Auge gehört zu Briggs Vater, der Sitzplatz, der das Gesamte umrahmt, der Mutter. Verschiedene Versionen von Realität und Fälschung werden einander gegenübergestellt und die Frage nach dem Rahmen im Rahmen wird nach bester Magrittscher Manier auf die Spitze getrieben.

Salvatore Vitale (*1986, lebt und arbeitet in Lugano) zeigt mit der Serie «The Moon was Broken», dass durch Fotografie nicht nur Geschichten erzählt, sondern auch Erinnerungslücken gefüllt werden können. Nachdem Salvatore Vitale mit 18 Jahren sein Elternhaus in Caronia, einem kleinen Dorf im Norden Siziliens, verlassen hatte, kehrte er nur noch für wenige Wochen pro Jahr an den Ort seiner Kindheit am Tyrrhenischen Meer zurück. Im Jahr 2014 entschied sich Salvatore Vitale, der Entfremdung zwischen ihm und seinem Vater auf den Grund zu gehen. Wenn sich Salvatore Vitale an seine Kindheit und Jugend erinnert, beschreibt er seinen Vater als typisches sizilianisches Familienoberhaupt: Ein wortkarger Mann, der sich ungern über Gefühle austauschte.

Dennoch fühlten sich Vater und Sohn immer eng miteinander verbunden. Während zwei Jahren besuchte Salvatore Vitale seinen Vater regelmässig und versuchte in aufreibenden Gesprächen herauszufinden, warum sie sich zunehmend entfremdet hatten. Dieser schmerzhafte Prozess brachte Reuegefühle an die Oberfläche, aber auch Erinnerungen und Erklärungen: letztendlich bedeutete er für Salvatore Vitale die Konfrontation mit seiner eigenen Geschichte. Alle Symbole, Orte und Themen verkörpern in seinen Bildern Möglichkeiten, etwas wieder zu entdecken. Er beschreibt eine Sammlung verschiedener Gefühlszustände, die sich in der Ausstellung über drei verschiedene Räume zu einem atmosphärischen Gewebe verdichten. Das Gefühl von Verlust steht zu Beginn der Serie «The Moon was Broken» und zieht sich als roter Faden durch den ganzen Werkkörper hindurch: Als der kleine Junge Salvatore, auf dem Heimweg von einem Jahrmarkt, er war fünf, den wolkenverhangenen Mond entdeckt, beginnt er zu weinen. Die zerbrochen wirkende Oberfläche betrübt ihn zutiefst. Was als kindliche, zauberhaft traurige Beobachtung gelesen werden kann, bedeutet für Vitale aus heutiger Sicht einen unheilsamen Vorboten. Kurze Zeit später überlebte sein Vater einen schweren Autounfall nur mit viel Glück.

Salvatore Vitale verwendete unterschiedliche Techniken: Das Licht verbindet Bildebenen miteinander, etwa das sanfte Mondlicht und das metallene Licht der Autoscheinwerfer als zentrales Gestaltungselement. Das Einfangen des Lichts, die Zeit, die es dafür braucht, ist ein bestimmender Faktor für das Medium der Fotografie. Die zwei Jahre, während denen Salvatore Vitale an «The Moon was Broken»  arbeitete, waren geprägt vom Warten: Warten auf seinen Vater, der stumm neben ihm sass, vielleicht um eine Antwort zu verzögern oder zufrieden, nichts sagen zu müssen. Vom Warten bis die Belichtungszeit um ist, alleine auf einer Strasse inmitten steiniger Landschaft. Die Ausdehnung von Zeit, die sich immer dann fast klebrig zäh anfühlt, wenn wir uns der Erinnerung hingeben oder uns auf die Suche nach Erinnerungsfragmenten machen.

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Ausstellungsansicht Jonny Briggs / Salvatore Vitale © Julie Lovens

Ausstellungsansicht Jonny Briggs / Salvatore Vitale © Julie Lovens

Ausstellungsansicht Salvatore Vitale © Julie Lovens

Ausstellungsansicht Jonny Briggs © Julie Lovens

Ausstellungsansicht Jonny Briggs © Julie Lovens

Ausstellungsansicht Jonny Briggs © Julie Lovens

Ausstellungsansicht Salvatore Vitale © Julie Lovens

Ausstellungsansicht Salvatore Vitale © Julie Lovens

Ausstellungsansicht Salvatore Vitale © Julie Lovens

Ausstellungsansicht Salvatore Vitale © Julie Lovens

Ausstellungsansicht Salvatore Vitale © Julie Lovens