




Zum Jahresbeginn 2012 bieten das PhotoforumPasquArt und die Unternehmensstiftung Hermès den beiden eingeladenen Künstlern Cécile Hesse und Gaël Romier zweierlei Gelegenheiten: Gestaltung einer neuen Installation in der Galerie TH13 in Bern mit Werken, die eigens dafür kreiert und angefertigt werden; Präsentation der letzten zehn Jahre ihrer kreativen Arbeit im PhotoforumPasquArt mit einer Szenografie, die sämtliche Ausstellungsräume umfasst.
Michel Poivert
Das Werk von Cécile Hesse und Gaël Romier ist eine eigentliche Abfolge von Märchen. Zu ihren inhaltlichen Komponenten gehören das Fantastische und die Unschuld, die Grausamkeit und das Vergnügen; ihre Amoralität bringt sie definitiv in die Nähe von Werken, die Eingeweihten vorbehalten bleiben. Das Künstlerpaar kreiert, installiert, performt und fotografiert methodisch Objekte, Situationen und Körper, deren Sinn sich nicht erschliessen lässt.
Die von ihren Bildern und Installationen ausgehende Atmosphäre sorgt fortdauernd für Verwirrung. Während die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Szenen auf eine visuelle Logik zurückzuführen sind, bleibt die Geschichte, die sie miteinander verbindet, offen. Die Rätselhaftigkeit hält an und wird von einer starken erotischen Intensität begleitet, ohne dass klar wird, ob es sich um Begierde, Wissenschaft oder Animismus handelt. Zusammen erzählen diese Märchen auch vom Leben der Künstler.
"In Miroir sans tain", am Anfang ihres Werks, inszenieren sie regressive Situationen, eigentliche Performances. Ein Teil der kindlichen Unschuld wird ins Lächerliche gezogen. Eine junge Frau stellt sich in ihrer Androgynie zur Schau, behandelt die Beziehung zum anderen als ständiges Ritual, ruft das Tierreich in Form der Opfergabe herbei. Das Thema des zerbrochenen Eies taucht auf: der Makel, ein grosses Märchenthema.
"Pour le meilleur et pour le pire" (In guten wie in schlechten Zeiten), ein Hochzeitsversprechen, das nunmehr das Künstlerpaar vereint, ist auch ein Bildprogramm. Der magische Ort der Sternenhöhle, der in Gestein verwandelte Körper, die Formung einer aus einem Haufen Haare bestehenden Gestalt, die zu einer Art Kind wird, um das man sich kümmert, eine aus Tausenden von menschlichen Wesen bestehende Skulptur: ein Nachwuchs. Ein Planet. Die Kosmogonie von Hesse und Romier schafft Konturen, das Paar kann sich fortan um lustvolle Hausarbeiten kümmern. Man schält Pumps und es entsteht eine Sammlung von Lederzungen, deren Form an ein Geschlechtsteil erinnert.
"Duchesse Vanille", das dritte Märchen, ist eine eigentliche Traumerzählung. Eine Nacht bildet den Dekor für ein Essen, das mit einem Lauf im Scheinwerferlicht von Autos endet. Die Frau trägt einen Stapel Teller davon, deren Zwischenlagen weibliche Dessous bilden. Ein Ritual hat eine schlechte Wendung genommen. Statt auf Tontauben wird auf Pumps und Handtaschen geschossen. Man opfert den Schmuck. Er entsteht neu. Man löscht den Durst und Federn fliegen durch die dunkle Nacht.
"Picnic à l’Éther", ein neueres Kapitel, das die Metapher des Banketts weiterspinnt, bietet ebenfalls eine Annährung an Essensrituale. Stets mit demselben Raffinement verdichten Objekte und Szenen die Elemente: die Flüssigkeit in Form von Wasserspritzern, einer Lache oder eines gefüllten Teelöffels, ein stumme Trommel aus Gestricktem und Knochen, Messer und Gabel mit Griffen aus Rehfüssen, eine von einer Jagdtrophäe versteckte Scham, ein Braten auf der Ablage über einem Autorücksitz… Und wiederum ein Ei, das sich auf der weissen Unterhose ausbreitet, die eine Frau hinter einem Autofenster zur Schau stellt.
"Août", das letzte Opus… Auf einem dunklen Samtsofa stecken Aschenputtels nackte Füsse in den rosa schimmernden Öffnungen von Mördermuscheln. Das Bild ruft die unwahrscheinliche Begegnung zwischen der Unterwasserwelt und einem bürgerlichen Wohnzimmer hervor. Die physische Beziehung von Körperextremitäten mit der sanften Kälte einer Muschelschale verleihen "Août" ein besonderes Gepräge. Drei Figuren stürzen mit erhobenen Armen ins Dunkel. Es ist ein in Pelz gehüllter Körper – einer Frau, eines Kindes? – in Ruhestellung, der die Schwerkraft herausfordert. Das Vlies des schönen Sommers.
Die Vereinigung von Raffinement und ursprünglicher Sehnsucht bildet ein edles, aber nicht für jedermann zugängliches Genre. Wer das Werk von Cécile Hesse und Gaël Romier betrachtet, begnügt sich nicht damit, ein Objekt oder eine Szene zu bewundern, er errät, was darin sein tiefstes Inneres berührt.