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ALEXANDRA NAVRATIL / RACHEL DE JOODE

Materialgeschichte(n)

In ihren dichten, atmosphärischen Arbeiten verwebt Alexandra Navratil aktuelle Fragen zu bildbasierten Medien mit deren Industrie- und Technologiegeschichte. Fotografie und Film, das stille und das bewegte Bild, sind im Vergleich zu anderen bildformulierenden Medien vergleichsweise jung. Navratil ermöglicht eine Reise in die Vergangenheit, in die Historie und schafft den Bezug in die Gegenwart durch kluge Verweise und beinahe minimale Eingriffe in die verwendeten Ursprungsmaterialien.

Mit Rachel de Joode tauchen wir ein in eine Welt, die uns nah und gleichzeitig fremd erscheint: Ein fotografisches Bild eines Objektes repräsentiert dieses Objekt. Für sie befreit die Fotografie das Objekt von seinem materiellen Körper. Die technologischen Veränderungen – Bildschirme nehmen eine wichtige Funktion in der Bildbetrachtung und Rezeption ein – haben einen grossen Einfluss auf unsere Wahrnehmung: Rachel de Joodes Arbeiten siedeln sich im Grenzraum zwischen analoger Materialerfahrung und digitaler Reproduktion an.

Beide Künstlerinnen verbinden das Gestern mit dem Heute und brechen lustvoll mit möglicherweise tradierten Vorstellungen darüber, wie sich das Medium Fotografie heute manifestiert.

In der Ausstellung befragt Rachel de Joode (*1979, lebt und arbeitet in Berlin) mit ihren Arbeiten den Raum – spezifisch den Ausstellungsraum – in Bezug auf seine Ästhetik, die für das zeitgenössische Kunstgeschehen, und besonders dessen Zirkulation online prägend sind. Ihre Untersuchungen siedeln sich im Übereistimmungsraum zwischen dreidimensionalem Kunstwerk und seinem zweidimensionalen Gegenstück an.

Das Digitale war und ist nicht immateriell, wie Felix Stalder in seinem in diesem Jahr erschienenen Buch «Kultur der Digitalität» ausführt. Die flüchtigen Impulse digitaler Kommunikation beruhen auf globalen materiellen Infrastrukturen, die von Minen tief unter der Erdoberfläche, in denen Metalle der Seltenen Erden abgebaut werden, bis ins Weltall, wo Satelliten die Erde umkreisen, reichen. In unseren Alltagserfahrungen sind diese Verbindungen kaum sichtbar und werden daher oft ignoriert – sie verschwinden jedoch nicht und verlieren auch nicht an Bedeutung. Digitalität verweist historisch auf neue Möglichkeiten der Konstitution und der Verknüpfung unterschiedlichster menschlicher und nichtmenschlicher Akteure. Hier trifft sich Rachel de Joodes Herangehensweise mit Stalders Ausführung: Der Begriff der Digitalität ist nicht auf digitale Medien begrenzt, sondern taucht als relationales Muster auch in analogen Kontexten auf und verändert den Raum der Möglichkeiten vieler Materialien und Akteure.

Alle in der Ausstellung präsentierten Arbeiten sind neu entstanden und zeugen von Rachel de Joodes kürzlich entdeckter Faszination für Bühnenbild und das Marionettentheater. Das Gefühl, sich klein zu fühlen – wie eine Ameise – gefalle ihr und dient als weiterer Ausgangspunkt der Auseinandersetzung. Eine kleine Ameise auf dem gigantischen Planeten Erde, wobei letztere sich wiederum in einem unendlich wirkenden Universum bewegt. Ihr Umgang mit Proportionen zeugt von dieser anekdotischen Ausführung: Die Werke «Stacked Sculptures» füllen den grössten Ausstellungsraum mit ihrer Präsenz und lassen uns auf unsere eigene, im Verhältnis geringere, Körpergrösse zurückfallen. Im Ausstellungsraum spielt die Künstlerin geschickt mit dem Umstand, dass unsere Wahrnehmung durch die Technologien, die uns umgeben, konditioniert wird: Wir sehen, denken und bewegen uns rund um die Objekte, und auch wenn ihre Arbeiten nicht direkt mit technologischen Fragestellungen per se zusammen hängen, verweisen sie trotzdem auf die zeitgenössische visuelle Kultur der Digitalität. Materialien wie Ton, Farbe und Giessharz bearbeitet sie mit ihren Händen und nimmt diese «Konversation» fotografisch auf. Aus diesen Aufnahmen wählt sie bestimmte Elemente aus. In einem weiteren Schritt schichtet sie diemit den Händen entwickelten Bilder mit der Software Photoshop als einzelnen Teile aufeinander. Die einzelnen zweidimensionalen Skulpturen werden als Gruppe angeordnet und erzählen von De Joodes Interesse, die Kampfzone zwischen der Körperlichkeit des Bildes im Raum und dem Bild an sich auszuloten. Die einzelnen Formen wirken, obschon abstrakt, dinghaft und erinnern an eine Frage, die sich die Künstlerin im Laufe des Prozesses stellt: Wie ist es, ein Ding zu sein?

Das Triptychon im hinteren Raum besteht aus drei kleinen, wie für ein Theaterstück inszenierte Atelierperformance. Die Künstlerin wird zur Schau-stellenden, ihre Hände bearbeiten und zeigen gleichermassen keramische Objekte, erzeugen Farbkleckse oder platzieren ein Miniatur-Werk auf einem Sockel. Der Modellraum wird zum Bildträge, die Grenze zwischen der haptischen Qualität der Objekte und ihrer flachen fotografischen Reproduktion wird verwischt. Die präsentierten keramischen Objekte sind Zeugnisse der Prozesse im Atelier, flüchtige Gesten festgehalten in Ton, gebrannt und glasiert.

Rachel de Joodes Umgang mit Materialien oszilliert zwischen klassischer Bildhauerei und Umsetzungen, die in heutigen, von digitalen Ästhetiken bestimmten Bildpraxen angesiedelt sind. Frühere Arbeiten können dem klassichen Malerei- und Fotografiegenre des Stilllebens zugeordnet werden. Heute sind es Hybride –fotografische Skulpturen oder skulpturale Fotografien. Befragt zu ihrem Interesse an der Fotografie als Medium erläutert die Künstlerin deren Funktionalität: Wie vereinfachend und flach-machend die fotografische Sprache arbeitet und wie sie – zumindest gemeinhin verstanden – die Realität repräsentieren soll. Sie verweist auf Roland Barthes: Die Beglaubigung der vergangenen Realität ist durch andere Bildarten nicht gegeben; diese imitierten, während die Fotografie bezeuge. Somit wird zeitweilig dieses «Es-ist-so-gewesen» als ihr Wesen, oder ihr noema (Sinngehalt), postuliert. Insofern funktioniert die Fotografie als die Verlängerung der Geste eines kleinen Kindes, das auf etwas zeige und sagt: «das da, genau das, dieses eine ist’s». Rachel de Joode Auseinandersetzung geht weiter: Mit der Doppelung der Bildebenen unterwandert sie die vermeintliche Abbildfunktion der Fotografie und verwischt die Grenze zwischen digitalem Abbild, Objekt und Werk im Ausstellungsraum.

Rachel de Joode (*1979, Holland) lebt und arbeitet in Berlin. Sie studierte Medienkunst an der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam. Sie wurde unter anderem mit dem Deutsche Börse Residenzstipendium am Frankfurter Kunstverein, der Sculpture Space Residenz und einer Residenz im LMCC, Governors Island, New York ausgezeichnet. 2017 hat sie einen Lehrauftrag an der ECAL in Lausanne.

 

Kuratorin der Ausstellung

Nadine Wietlisbach, Direktorin Photoforum Pasquart

Öffentliche Führungen

Sa / sa 19.8.2017 17:00 (fr)
Mit / avec Fleur Heiniger, kuratorische Assistentin / assistante curatoriale

So / di 3.9.2017 12:00 (de)
Mit / avec Nadine Wietlisbach, Direktorin / directrice

 

Die Ausstellung von Rachel de Joode wird unterstützt von der Galerie Christophe Gaillard, Paris