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Familienbande:

Glück und grosse Unwetter

29.1.–23.4.2017

Die eigene Familie kann Heimat bedeuten, ein Zuhause, in welches man gerne zurückkehrt, sie kann aus Menschen bestehen, mit denen man sich verbunden fühlt – oder vor denen man immer wieder zu flüchten versucht. Manche wünschen sich, Teil einer Familie zu sein, andere fürchten, den Fängen der Blutsverwandtschaft nicht entkommen zu können. Ähnlichkeiten untereinander werden anfangs begrüsst und neckend erwähnt, als Erwachsene bestritten.

 

Aus soziologischer Perspektive bezeichnet die Familie eine durch Partnerschaft, Heirat, Lebenspartnerschaft, Adoption oder Abstammung begründete Lebensgemeinschaft, die im westlichen Kulturraum meist aus Eltern oder Erziehungsberechtigten (eventuell durch weitere im Haushalt lebenden Verwandte erweitert) sowie aus Kindern besteht. Die Vorstellung der Kernfamilie orientiert sich an einem Kernbegriff, der sich im bürgerlichen 18. Jahrhundert herausgebildet hat. Der französische Historiker Philippe Ariès (1914-1984) führt in seinem Hauptwerk «Geschichte der Kindheit» («L’enfant et la vie familiale sous l’ancien régime») aus, wie sich in dieser Zeit die Familie als Institution der Vererbung von Gut, Stand und Namen zu einer moralischen Anstalt der Vermittlung von Normen und Werten entwickelt, die besonders die Gefühlswelt sowohl von Eltern wie Kindern mit einbezieht.

Konzepte des Familienlebens entspringen sozialen Praktiken und sind geprägt durch gesellschaftliche und kulturelle Vorstellungen. Fotografische Praxen, die das häusliche Umfeld oder die Familie portraitieren, finden sich in der Kunst- und Kulturgeschichte zahl- und facettenreich: Dokumentarisch etwa bei Diane Arbus oder Nan Goldin, künstlerisch stilisiert und inszeniert bei Thomas Struth, Gregory Crewdson oder Sally Mann. Sie alle untersuchen komplexe Beziehungen und deren Geschichten und befragen gleichzeitig ihre eigene Position innerhalb dieser Bedeutungsgefüge.

Wir freuen uns, das Genre des Familienbildes mit zwei unterschiedlichen Werkkörpern aus persönlicher Perspektive zu befragen: Der britische Künstler Jonny Briggs entwirft in aufwändigen Verfahren überraschende Bildwelten, bei denen sich ein Inspirationsfunken in plastischen Schichtungsverfahren transformiert. Salvatore Vitale erzählt in grossformatigen Atmosphären von der Distanz und der Nähe zwischen ihm und seinem Vater. Beide Kunstschaffenden binden auch bewegte Bilder in die Ausstellung ein, Fotografien und Videoaufnahmen vervollständigen die Erzählstränge. Ebenso gehen Objekt, Bild und Ton dialogische Verbindungen ein. Die Idee der Kernfamilie ist längst nicht überholt, und bietet weiterhin die Möglichkeit die auf den ersten Blick unspektakulären Beziehungen zwischen Mutter, Vater und Kind auszuleuchten – Jonny Briggs und Salvatore Vitale (er)finden dafür eigenständige Erzählungen.

 

Seit über zwölf Jahren beschäftigt sich Jonny Briggs (*1985, lebt und arbeitet in London) mit seinem familiären Umfeld. Auf seinen Fotografien sind aufwändige Inszenierungen in seinem Atelier oder im Aussenraum zu sehen – mit seinen Eltern als Protagonisten. Der zweite Blick zeigt: Die Grenze zwischen Eltern und Kind, zwischen Anderem und Selbst, zwischen echten Konstellationen und künstlichen Installationen ist manchmal ebenso unklar, wie sie erscheint. Briggs lässt sich vom Familien-Archiv inspirieren: In Kisten und Schubladen findet er unzählige alte Fotografien, die vorwiegend sein Vater gemacht hat. In vielen seiner Arbeiten scheint Jonny Briggs sich den Blick seines Vaters anzueignen. Er überträgt seine Ideen in einem ersten Schritt auf Papier und entwickelt mittels Skizzen und Zeichnungen surreal anmutende Bildwelten. Diesen Prozess beschreibt er als spielerisch, intuitiv und experimentell. Seine Arbeiten betrachtet er als ein Zusammentreffen widersprüchlicher Erinnerungen; das Zusammenspiel von älteren und neueren Arbeiten als essentielles Netzwerk. Die Kombination unterschiedlicher Ebenen, in Bezug auf die Materialien und deren inhaltlichen Bedeutungen, resultieren in komplexen Bildkompositionen, deren Entschlüsselung sich widerspenstig gestalten kann. Für das Bild «Untitled (self painted grey, cradling photograph of eye as a child, obscuring my own eyes, in front of backdrop held by partner)» lässt Jonny Briggs seinen Partner mit einer Fotografie, die sein eigenes Auge als Kind zeigt, auf einem Holzstumpf im Wald in der Nähe seines Elternhauses Platz nehmen. Das Bild erinnert an die Tarotkarte des hängenden Mannes: Die Haltung des Hängenden steht für das Wachstum in die Tiefe. Der Heiligenschein zeigt, dass durch diesen Richtungswechsel und durch die umgekehrte Betrachtung der Welt, Erleuchtung gefunden werden kann. Das Kreuz der Beine symbolisiert das Irdische, während das Dreieck der Arme für das Göttliche steht. Irdisches über Göttlichem, eine verkehrte Welt.  «Order / Disorder / Disordered» zeigt die Zähne von Briggs Mutter, ihren Unterkiefer, und wie sie auf ein Stück Tapete beisst. Ihr Gesicht ist nicht zu erkennen, das Blumengemälde tritt an ihre Stelle. Seine Mutter scheint sich ihre Umgebung einzuverleiben oder im Gegenteil, die Umgebung macht sich ihrer Erscheinung habhaft. An den Rändern treten einige Gräser zum Vorschein, diese geben einen Hinweis darauf, wie die Komposition entstanden sein könnte. In «Untitled, 2016» verbindet sich die Latexmaske des Gesichts von Briggs Vater farblich mit einem Stück Tapete, welche neben einem Bild der selbigen wiederum auf eine Fotografie – eine Abbildung eines sich in Hausnähe befindenden Waldstücks – gepinnt wurde. Das Auge gehört zu Briggs Vater, der Sitzplatz, der das Gesamte umrahmt, der Mutter. Verschiedene Versionen von Realität und Fälschung werden einander gegenübergestellt und die Frage nach dem Rahmen im Rahmen wird nach bester Magrittscher Manier auf die Spitze getrieben.

 

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